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EINWINTERN

Die frühen Schatten sinken

Umdüsternd ins Gelaß,

Zufällig huseht ein Blinken

Vom toten Spiegelglas,

Wie bleicher Hände Locken, ...

Wie stummes Abschiedwinken

Mit Tüchern tränennass ...

Nun fallen bald die weißen Flocken.

 

Es scheint mit Horn und Zinken

Zum ungeschlachten Baß

Gespenstisch herzuhinken

Vom Friedhof Gaß um Gaß

Im Hall der gellen Glocken,

Die Türe aufzuklinken,

Wer horcht mir ins Gelaß? ...

Nun fallen bald die weißen Flocken.

O. Loerke


SCHNEESTADT

Da du, der Wandernacht nun überdrüssig,

Vor der Laterne säumst im Schneegehetze,

Wirds unter deiner Wimper golden flüssigBespannt

der Schnee dein Licht mit seinem Netze?

 

Verirrt dein Sinn zu tief sich an die Teiche,

Die aus den Jahren unterirdisch weinen

Und Leides Spuk wie Linnen auf der Bleiche,

Betreut von toten Fingern, widerscheinen?

 

Inzwischen wächst die silberschiere Wehe,

In stummem Zauber wie versiebenfältigt.

Du fliehst, wie wenn die Schwermut rings erstehe,

Vom eigen en Gedanken überwältigt.

 

Aus Tiefem steigen auf die weißen Schanzen,

Aus Unterwelten heben sich die Gassen

Und fügen Trümmer, Wand um Wand, zum Ganzen

Und ordnen lautlos steife Häusermassen.

 

Um Dach und Simse wuchert breiter Schimmel.

Die Stadt ist tot, sie hat sich längst begeben.

Verschneit dir unterm Fuße liegt ihr Himmel

Mit seinem Sonnwendabend von soeben:

Die Speichertürme waren rot geworden,

Die Dohlen schwärmten mönchisch in die Luken,

Als warte ein besessner Vogelorden

Die Feueröfen, die ihr Opfer buken.

 

Nun scheint es manchmal aus dem Schnee zu flattern,

Geflügelt sich den Weg herauf zu bahnen.

Umsonst, es wächst die Unterwelt, es schnattern

Auf weißer Einsamkeit die Eisenfahnen.

 

O. Loerke


SCHWEBEND IM SCHNEE

Wie mit langen sausenden Wurzeln hängt Sturm in der

Nacht,

Von ihnen trieft Schnee in großen Frachten.

Die Stadt schläft inmitten, dennoch abseits,

In ihren Fuchsburgschachten die Grubenlichter wachen.

 

Mein hörender Geist, dem unaufhörlichen Sausen

lauschend,

Führt mich und findet in ihm die monotone beschreitbare

Fläche,

Bannt mir die Wirbel des Schnees und ebnet sie weit

hinaus

Und winkt auf irdischem Fuße verbotene Ebne ambrosisch

sommerndes Lächeln.

 

Meine Demut erblüht, sieh, auf dem Blumenplan,

Der unter Schwerem einsinkt: eine grüne Nessel.

o meine Demut, wir lebten einander vorüber,

Wir haben uns nicht gewusst, uns vergessen.

 

Oh, nun ist nicht Zeit mehr zu lauschen,

Wie sie jubeln im Julidonner: zwei Drosseln Meine

Begeisterungen von einst,

Aus diesen Augen früh und flüchtig ergossen!

 

Im Hochwald rinnt ein roter Bach:

Sonne unter der Sonne -

Meine Seele grübelt sich durch das Gestein,

Nie hat sie sich meiner entsonnen.

 

Zuckender Schnee,

Rasende Reise

Des Himmels ins Weh,

Irr engt sich das Weite.

O. Loerke


 

AN EINEM WINTERMORGEN

 

Die Seele grünt noch im Sehnsuchtskummer,

Der mit dem Schlafe nicht entschlief.

Am Ohre lungert ihm Fernsprechnummer

Maschinenhacken, Schema Brief.

 

Er sieht: In rubinener Tagesneige

Nimmt raschen Abschied, was ewig hieß,

schattet mit breiten Blättern die Feige

Ober den Weg aus dem Paradies.

 

Eben hat er den Enzian gebrochen

Auf einem Berg, den die Eiszeit verschlang,

Und er hat am brandiges Opfer gerochen

Zum Gebet, das ein Ahnherr für ihn sang.

 

Im Lichte der Sichel, fern hergeliehen

Vom donnernden Tage, der jenseits stand,

Ist ihm das nächtliche Weistum gediehen

Bei schlissigem Laub an herbstkalter Wand.

 

Die Atemwolke aus ihm dauert

Im Raum, wo Vergehendes stille steht,

Wo der Büßer, der auf dem Bettrand kauert,

Dräußen im Frost hackt, vom Nachtschnee verweht.

 

O. Loerke


In Yoshino auch

die Berge dunstverhangen wo

weiger Schnee noch

fiel, in der alten Heimat

ist der Frühling gekommen.

 

Fujiwara Yoshitmne


 

Tief in den Bergen .

weiß man noch nichts vom Frühling.

An der Kieferntür

langsam erst rinnen herab

Perlen tauenden Schnees.

 

Prinzessin Shikishi


So trüb ist alles.

Im Heimatdorf noch immer

im dicktiefen Schnee

zeigt sich keines Fußes Spur:

Und doch zog der Frühling ein.

 

Kunaikyö


Tief in den Bergen

noch immer kalt sein Leuchten der

Mond des Frühlings.

Wolkenbedeckt der Himmel

und unaufhörlich fällt Schnee.

 

Echizen


Der dicht gefallen,

der Schnee auf hohen Gipfeln

ist nun geschmolzen.

Auf dem Kiyotaki-Flug

schneeweiß des Wassers Wellen.

 

Der Mönch Saigyö


 

Beim ersten Schneefall

heute morgen, auf den Freund

hat es gewartet;

das so einsame Bergdorf,

im Schnee zur Abendstunde.

 

Der Mönch Jakuren


Mein Pferd halt ich an,

die Armel abzuschütteln

kein Schutzdach gibt es.

An der Fähre von Sano,

beim Schnee zur Abenddämmrung.

 

Fujiwara Sada'ie


Die Bucht von Tago

besucht man und blickt hinaus:

In leuchtendem Weiß

des Fujis hoher Gipfel,

wo noch und noch fällt der Schnee.

 

Yamabe Akanito


In des Gartens Schnee

der Füße Spur drückt' ich ein

beim Hinausgehen.

Hat ihn wohl jemand besucht? werden

andre sich wundern.

 

Erzbischof Ji'en


über Bergpfade

nahm er heut morgen den Weg,

der Wanderer –

auf seinem Hut weiß leuchtend

häuft sich und häuft sich der Schnee.

 

Minamoto Tsunenobu


Beide gemeinsam

brachen wir auf ins Weite,

unvergesslich bleibt's.

über der Hauptstadt Berge

der verblassende Frühmond.

 

Fujiwara Yoshitsune


 

Nur aus der Ferne

möcht' ich ihn sehen, sonst nichts!

In Kazuraki

von des Takama-Berges

Gipfel den weißen Schnee

 

Unbekannter Dichter


 

Weil der auf den Reif

heut morgen gefallne Schnee

Kühle verbreitet,

so doppelt grausam nunmehr

erscheint mir der Geliebte.

 

Minamoto Shigeyuki


WINTERLIED

Mir träumt', ich ruhte wieder

Vor meines Vaters Haus

Und schaute fröhlich nieder

In's alte Tal hinaus,

Die Luft mit lindem Spielen

Ging durch das Frühlingslaub,

Und Blüten-Flocken fielen

Mir über Brust und Haupt.

 

Als ich erwacht, da schimmert

Der Mond vom Waldesrand,

Im falben Scheine flimmert

Um mich ein fremdes Land,

Und wie ich ringsher sehe:

Die Flocken waren Eis,

Die Gegend war vom Schneee,

Mein Haar vom Alter weiß.

 

J. von  Eichendorff

 

 


 

Du merkst nicht

Du spürst nicht

dass der Schnee der Jahre

in dein Haar fällt

und merkst nicht

wie die Sonne

deinen Weg verbrennt

 

Im Licht

schwimmst du hinaus ins Meer

verstehst dich mit Delphinen

und merkst nicht

das das Wasser finster wird

 

Kommst zurück zur Erde

die du liebst

und merkst nicht dass sie

weggewandert ist

und du an ihrem Rand stehst

 

Du steigst hinauf

zum schneebestirnten Gipfel

bewunderst das Panorama

unten das grüne Tal

und merkst nicht

dass ein Grab geschaufelt wird

 

R. Ausländer


 

DEZEMBERMORGEN

Der Morgen

steckt mit kalter Hand

Turm um Turm

in die Erde zurück,

reist das Tuch auf,

unter dem du lagst,

warm und geborgen,

schneidet dich aus

mit blankem Messer.

 

Entblösst, verletzt,

entstellt,

wirft dich

der Spiegel zurück.

 

Alles, was dein war,

Traum und Hoffnung,

dein Leben zu tauschen,

der Plan es zu ändern,

blieb zwischen den Fäden

des nächtlichen Tuchs.

 

Fröstelnd gehst du

hinaus ins Graue,

die Mauern entlang.

 

Wände, Wände

und keine Tür,

die dir offen stünde.

Die Fenster sind alle

verschlossen, verhängt.

 

Da fallen Strähnen

auf deinen Weg,

Flocken, Locken,

van weither geweht,

berühren dein Haar,

dein Knie, deinen Schuh.

 

Du trittst darauf,

auf Chrysanthemen,

verscharrtes Laub,

zerfetzte Schleier,

ein Schneegesicht.

 

Auf dem Platz der Freiheit

springt die Fontäne

nicht mehr.

Im Brunnengrund atmet

der Himmel noch einmal,

bevor er zu Eis wird,

Figur und Blume.

 

W. Bächler


 

WINTER

Die Singvögel sind entkommen.

Die Lastkähne froren ein,

bevor sie das Meer erreichten.

Der Fluss steht still in den Dämmen.

 

Vom Gartenbeet schaufelt ein Kind

den Schnee. »Suchst du Blumen?«

»Die Blumen sind tot. Ich mache

ein Bett für den Wind!«

 

Die Mutter mästet das Feuer.

Im eisernen Käfig, zum Haustier

gezähmt, frisst es ihr aus der Hand.

 

Der Rauch stösst vergebens nach oben.

Der Himmel lässt ihn nicht ein.

 

Im Garten hat sich der Wind gelegt.

Er zieht den Schnee bis ans Kinn

und verbirgt sein Gesicht

unter ruhigen Strähnen.

 

Die Spatzen fliegen aus seiner Hand

unversehrt zu den Tauben aufs Dach.

Wir decken den Tisch für die Raben.

 

Zwei Schreinergesellen haben den Brunnen

in Bretter gehüllt und vernagelt.

affen beugt sich ein Mund darüber,

der seine Sprache verlor.

In den Augen vereisen die Tränen.

 

W. Bächler


 

SCHNEE

Da sind nur Winterschneisen und die Hieroglyphen in

der schwarzen Äste vor der Wolken Wand des Himmels,

nackt wie dein Denken diesen Nachmittag,

die Schrift der Wildspur und der Vogelkrallen.

 

Du trittst in ihre ungelösten Rätsel ein,

durchkreuzt die Linien, störst die Kreise,

ziehst Tangenten, einen plumpen Strich

durch deine Leere, die sich vor dir dehnt,

versuchst die Bilder zu addieren.

Doch sie verweigern dir die Summe,

bleiben isoliert wie du '

in diesem weissen Raum.

 

Du spielst mit einem Zapfen

abgebrochnen Eises, mit dem Schorf

vernarbter Wunden, ballst den Schnee

ohnmächtig in der Faust zu harten Kugeln

und lässt ihn schmelzen, um dir zu beweisen,

dass du noch etwas Wärme in dir hast.

 

W. Bächler


Der Winter

Helmut hört zur Weihnachtszeit

Kinder alle = seid bereit =

und wollen wir auch einsam sein.

und lässt das liebe Englein rein.

so weis wie auch die Flüglein

sind.«

ist auch der Schnee du liebes Kind.

 

Ernst Herbeck


 

weiss

weiss ist der Schnee. Weiss ist das Eiweiss

weiss ist der Tote nicht. weiss sind die Karpfen.

weiss ist der Anzug. weiss sind die Blumen.

weiss ist der Ton der Farbe. Weiss sind die Russen.

weiss ist schön. weiss sind die Fische

weiss bleierne Eier. weiss sind die bleiernen Eier

weiss ist sehr gut. so manches Ei ist weiss

weiss ist nicht schwarz.

weiss ist nicht hell.

weiss ist auch nicht blau.

weiss ist der Himmel.

 

Ernst Herbeck


 

Der Winter.

Der Winter liegt im Bette gar

und hüllt sich in Schnee und Eis

Er friert in der Hand

und macht weiss das ganze Land.

Er dauert die Zeit

über Jänner und Fasching weit.

Der Winter schneit und der Wind

und der Wind erzählt es breit.

 

Ernst Herbeck


 

Versöhnung

Erst sah ich weiße Fahnen
und wurde blaß, ich mag nicht siegen.
Doch dann glitten deine Tauben herüber,
so sanft
schicktest du die weißen Tauben
von dir zu mir,
Taube um Taube,
ich atmete kaum,
das Zimmer war weiß von ihnen.
Ich hielt die Hände hin:
schneeflockenfeucht von deinen
Tränen
tranken sie meine Tränen. 

Hilde Domin


Schwanenlied

 

    Wenn die Augen brechen,

    Wenn die Lippen nicht mehr sprechen,

    Wenn das pochende Herz sich stillet

    Und der warme Blutstrom nicht mehr quillet:

    O dann sinkt der Traum zum Spiegel nieder,

    Und ich hör' der Engel Lieder wieder,

    Die das Leben mir vorüber trugen,

    Die so selig mit den Flügeln schlugen

    Ans Geläut der keuschen Maiesglocken,

    Daß sie all die Vöglein in den Tempel locken,

    Die so süße wildentbrannte Psalmen sangen:

    Daß die Liebe und die Lust so brünstig rangen,

    Bis das Leben war gefangen und empfangen;

    Bis die Blumen blühten;

    Bis die Früchte glühten,

    Und gereift zum Schoß der Erde fielen,

    Rund und bunt zum Spielen;

    Bis die goldnen Blätter an der Erde rauschten,

    Und die Wintersterne sinnend lauschten,

    Wo der stürmende Sämann hin sie säet,

    Daß ein neuer Frühling schön erstehet.

    Stille wird's, es glänzt der Schnee am Hügel

    Und ich kühl' im Silberreif den schwülen Flügel,

    Möcht' ihn hin nach neuem Frühling zücken,

     Da erstarret mich ein kalt Entzücken –

    Es erfriert mein Herz, ein See voll Wonne

    Auf ihm gleitet still der Mond und sanft die Sonne

    Unter den sinnenden, denkenden, klugen Sternen

    Schau' ich mein Sternbild an in Himmelsfernen;

    Alle Leiden sind Freuden, alle Schmerzen scherzen

    Und das ganze Leben singt aus meinem Herzen:

    Süßer Tod, süßer Tod

    Zwischen dem Morgen- und Abendrot.

[Brentano: Schwanenlied. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 284


 

Hüllt der Frost den Kreis der Erden

In ein Kleid, das Silber-weiß,

Wenn recht als begraben werden

Feld und Land in Schnee und Eis;

Sucht der Mond, mit blassen Strahlen,

Auch die Schatten weiß zu malen,

Und sein kühler Silber-Schein

Scheint dem Winter gleich zu seyn.

[Brockes: Die Sonne. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 338


 

Kirsch-Blühte bey der Nacht

 

    Ich sahe mit betrachtendem Gemüte

    Jüngst einen Kirsch-Baum, welcher blüh'te,

    In küler Nacht beym Monden-Schein;

    Ich glaubt', es könne nichts von gröss'rer Weisse seyn.

    Es schien, ob wär' ein Schnee gefallen.

    Ein jeder, auch der klein'ste Ast

    Trug gleichsam eine rechte Last

    Von zierlich-weissen runden Ballen.

    Es ist kein Schwan so weiß, da nemlich jedes Blat,

    Indem daselbst des Mondes sanftes Licht

    Selbst durch die zarten Blätter bricht,

    So gar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.

    Unmöglich, dacht' ich, kann auf Erden

    Was weissers ausgefunden werden.

    Indem ich nun bald hin bald her

    Im Schatten dieses Baumes gehe:

    Sah' ich von ungefehr

    Durch alle Bluhmen in die Höhe

    Und ward noch einen weissern Schein,

    Der tausend mal so weiß, der tausend mal so klar,

    Fast halb darob erstaunt, gewahr.

    Der Blühte Schnee schien schwarz zu seyn

    Bey diesem weissen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht

     Von einem hellen Stern ein weisses Licht,

    Das mir recht in die Sele stral'te.

            Wie sehr ich mich an GOtt im Irdischen ergetze,

    Dacht' ich, hat Er dennoch weit grös're Schätze.

    Die gröste Schönheit dieser Erden

    Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.

[Brockes: Kirsch-Blühte bey der Nacht. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 358

 


Herbstmorgen

 

            Die Wolken ziehn, wie Trauergäste,

            Den Mond still – abwärts zu geleiten;

            Der Wind durchfegt die starren Äste,

            Und sucht ein Blatt aus beßren Zeiten.

 

            Schon flattern in der Luft die Raben,

            Des Winters unheilvolle Boten;

            Bald wird er tief in Schnee begraben

            Die Erde, seinen großen Toten.

 

            Ein Bach läuft hastig mir zur Seite,

            Es bangt ihn vor des Eises Ketten;

            Drum stürzt er fort und sucht das Weite,

            Als könnt' ihm Flucht das Leben retten.

 

            Da mocht' ich länger nicht inmitten

            So todesnaher Öde weilen;

            Es trieb mich fort, mit hast'gen Schritten

            Dem flücht'gen Bache nachzueilen.

[Fontane: Herbstmorgen. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 708


Polarszene

 

                Auf blinkenden Gefilden

                Ringsum nur Eis und Schnee,

                Verstummt der Trieb zu bilden.

                Kein Sänger in der Höh.

                Kein Strauch, der Labung böte,

                Kein Sonnenstrahl, der frei,

                Und nur des Nordlichts Röte

                Zeigt wüst die Wüstenei.

 

                So siehts in einem Innern,

                So stehts in einer Brust,

                Erstorben die Gefühle,

                Des Grünens frische Lust.

                Nur schimmernde Ideen,

                Im Kalten angefacht,

                Erheben sich, entstehen

                Und schwinden in die Nacht.

[Grillparzer: Tristia ex Ponto. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 1137


Schneeglöckchen

 

            Schneeglöckchen, ei, du bist schon da?

            Ist denn der Frühling schon so nah?

            Wer lockte dich hervor ans Licht?

            Trau' doch dem Sonnenscheine nicht!

            Wohl gut er's eben heute meint,

            Wer weiß, ob er dir morgen scheint?

 

            »Ich warte nicht, bis Alles grün;

            Wenn meine Zeit ist, muß ich blüh'n.

            Der mich erschuf für diese Welt,

            Heißt blüh'n mich, wann es ihm gefällt;

            Er denkt bei Schnee und Kälte mein,

            Wird stets mein lieber Vater sein.«

[Hoffmann von Fallersleben: Schneeglöckchen. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 1712


Erster Schnee

 

                Wie nun alles stirbt und endet

                Und das letzte Rosenblatt

                Müd sich an die Erde wendet,

                In die warme Ruhestatt:

                So auch unser Tun und Lassen,

                Was uns heiß und wild erregt,

                Unser Lieben, unser Hassen

                Sei ins welke Laub gelegt!

 

                Reiner, weißer Schnee, o schneie,

                Schneie beide Gräber zu,

                Daß die Seele uns gedeihe

                Still und kühl in Winterruh!

                Bald kommt jene Frühlingswende,

                Die allein die Liebe weckt,

                Wo der Haß umsonst die Hände

                Träumend aus dem Grabe streckt!

[Keller: Erster Schnee. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2172


Winternacht

 

        Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,

        Still und blendend lag der weiße Schnee,

        Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,

        Keine Welle schlug im starren See.

 

        Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,

        Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;

        An den Ästen klomm die Nix herauf,

        Schaute durch das grüne Eis empor.

 

        Auf dem dünnen Glase stand ich da,

        Das die schwarze Tiefe von mir schied;

        Dicht ich unter meinen Füßen sah

        Ihre weiße Schönheit Glied für Glied.

 

        Mit ersticktem Jammer tastet' sie

        An der harten Decke her und hin.

        Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,

        Immer, immer liegt es mir im Sinn!

[Keller: Winternacht. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2212


 

Lied eines Lappländers

 

Komm Zama, komm! Laß deinen Unmuth fahren,

O du der Preis

Der Schönen! komm! In den zerstörten Haaren

Hängt mir schon Eis.

 

Du zürnst umsonst. Mir giebt die Liebe Flügel,

Nichts hält mich auf.

Kein tiefer Schnee, kein Sumpf, kein Thal, kein Hügel

Hemmt meinen Lauf.

 

Ich will im Wald auf hohe Bäume klimmen

Dich auszuspähn,

Und durch die Fluth der tiefsten Ströhme schwimmen,

Um dich zu sehn.

 

Das dürre Laub will ich vom Strauche pflücken,

Der dich verdeckt,

Und auf der Wies' ein iedes Rohr zerknicken,

Das dich versteckt.

 

Und solltest du, weit übers Meer, in Wüsten

Verborgen seyn;

So will ich bald an Grönlands weißen Küsten,

Nach Zama schreyn.

Die lange Nacht kommt schon. Still mein Verlangen

Und eil zurück!

Du kommst, mein Licht! du kommst, mich zu umfangen;

O, welch ein Glück!

[Kleist: Lied eines Lappländers. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2290


Soldatenabschied

 

        Heute scheid' ich, heute wandr' ich,

        Keine Seele weint um mich.

        Sind's nicht diese, sind's doch andre,

        Die da trauern, wenn ich wandre:

        Holder Schatz, ich denk' an dich.

 

        Auf dem Bachstrom hängen Weiden,

        In den Tälern liegt der Schnee –

        Trautes Kind, daß ich muß scheiden,

        Muß nun unsre Heimat meiden,

        Tief im Herzen tut mir's weh.

 

        Hunderttausend Kugeln pfeifen

        Über meinem Haupte hin –

        Wo ich fall', scharrt man mich nieder,

        Ohne Klang und ohne Lieder,

        Niemand fraget, wer ich bin.

 

        Du allein wirst um mich weinen,

        Siehst du meinen Totenschein.

        Trautes Kind, sollt' er erscheinen,

        Tu' im Stillen um mich weinen,

        Und gedenk' auch immer mein.

[Müller: Soldatenabschied. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 2856


Ein Winterabend

 

            Wenn der Schnee ans Fenster fällt,

            Lang die Abendglocke läutet,

            Vielen ist der Tisch bereitet

            Und das Haus ist wohlbestellt.

 

            Mancher auf der Wanderschaft

            Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.

            Golden blüht der Baum der Gnaden

            Aus der Erde kühlem Saft.

 

            Wanderer tritt still herein;

            Schmerz versteinerte die Schwelle.

            Da erglänzt in reiner Helle

            Auf dem Tische Brot und Wein.

[Trakl: Ein Winterabend. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 3875


Das ist das Haus am schwarzen Moor

 

            Das ist das Haus am schwarzen Moor!

            Wer dort im letzten Winter fror,

            Der friert dort nicht in diesem Jahr –

            Er sank schon längst auf die Totenbahr.

 

            Das ist das Haus am schwarzen Moor,

            Das Haus, wo der alte Jan erfror.

            Zur Tür gewandt das weiße Gesicht,

            Starb er und wußt es selber nicht.

 

            Er starb. – Da kam, wie ein scheues Reh,

            Der Tag und hüpfte über den Schnee.

            »Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!« –

            Der Jan keine Antwort geben kann.

 

            Da erhuben die Glocken ihr hell Geläut,

            Sie sangen und klangen und riefen so weit:

            »Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!« –

            Der Jan keine Antwort geben kann.

 

            Da kamen die Kinder aus der Stadt:

            »Wir wissen, wie lieb er uns alle hat;

            Guten Morgen, Jan! Guten Morgen, Jan!« –

            Der Jan keine Antwort geben kann.

             Tag, Glocken und Kinder er nicht verstund.

            Da nahte die sonnige Mittagsstund,

            Da nahte ein armes Weib: »Mein Jan,

            Willst essen und trinken nicht, alter Mann?

 

            Sieh, was ich brachte dir aus der Stadt;

            Sollst froh nun werden und warm und satt!« –

            Die Alte sah lange auf ihren Jan,

            Da fing sie bitter zu weinen an.

 

            Da weinte sie an dem schwarzen Moor,

            Am Moor, wo der alte Jan erfror;

            Da weinte sie ihr brennend Weh

            Hinunter in den kalten Schnee.

[Weerth: Lieder aus Lancashire. DB Sonderband: 1001 Gedichte, S. 4067


Zigeunerlied

 

      Im Nebelgeriesel, im tiefen Schnee,

      Im wilden Wald, in der Winternacht,

      Ich hörte der Wölfe Hungergeheul,

      Ich' hörte der Eulen Geschrei:

                Wille wau wau wau!

                  Wille wo wo wo!

                      Wito hu!

 

      Ich schoß einmal eine Katz am Zaun,

      Der Anne, der Hex, ihre schwarze, liebe Katz;

      Da kamen des Nachts sieben Werwölf zu mir,

      Waren sieben, sieben Weiber vom Dorf.

                Wille wau wau wau!

                  Wille wo wo wo!

                      Wito hu!

 

      Ich kannte sie all, ich kannte sie wohl,

      Die Anne, die Ursel, die Käth,

      Die Liese, die Barbe, die Ev, die Beth;

      Sie heulten im Kreise mich an.

                Wille wau wau wau!

                  Wille wo wo wo!

                      Wito hu!

[Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827). Goethe: Werke, S. 263


Klaggesang von der edlen Frauen des Asan Aga

 

Aus dem Morlackischen

 

    Was ist Weißes dort am grünen Walde?

    Ist es Schnee wohl, oder sind es Schwäne?

    Wär es Schnee, er wäre weggeschmolzen;

    Wären's Schwäne, wären weggeflogen.

    Ist kein Schnee nicht, es sind keine Schwäne,

    's ist der Glanz der Zelten Asan Aga.

    Nieder liegt er drin an seiner Wunde.

    Ihn besucht die Mutter und die Schwester;

    Schamhaft säumt sein Weib, zu ihm zu kommen.

 

    Als nun seine Wunde linder wurde,

    Ließ er seinem treuen Weibe sagen:

    »Harre mein nicht mehr an meinem Hofe,

    Nicht am Hofe und nicht bei den Meinen.«

 

    Als die Frau dies harte Wort vernommen,

    Stand die Treue starr und voller Schmerzen,

    Hört der Pferde Stampfen vor der Türe,

    Und es deucht ihr, Asan käm, ihr Gatte,

    Springt zum Turme, sich herabzustürzen.

    Ängstlich folgen ihr zwei liebe Töchter,

    Rufen nach ihr, weinend bittre Tränen:

    »Sind nicht unsers Vaters Asan Rosse,

    Ist dein Bruder Pintorowich kommen!«

 

    Und es kehret die Gemahlin Asans,

    Schlingt die Arme jammernd um den Bruder:

    »Sieh die Schmach, o Bruder, deiner Schwester!

    Mich verstoßen, Mutter dieser fünfe!«

 

    Schweigt der Bruder, ziehet aus der Tasche,

    Eingehüllet in hochrote Seide,

    Ausgefertiget den Brief der Scheidung,

    Daß sie kehre zu der Mutter Wohnung,

    Frei, sich einem andern zu ergeben.

 

    Als die Frau den Trauerscheidbrief sahe,

    Küßte sie der beiden Knaben Stirne,

    Küßt' die Wangen ihrer beiden Mädchen.

    Aber ach! vom Säugling in der Wiege

    Kann sie sich im bittern Schmerz nicht reißen!

 

    Reißt sie los der ungestüme Bruder,

    Hebt sie auf das muntre Roß behende,

    Und so eilt er mit der bangen Frauen

    Grad nach seines Vaters hoher Wohnung.

 

    Kurze Zeit war's, noch nicht sieben Tage;

      Kurze Zeit gnug; von viel großen Herren

      Unsre Frau in ihrer Witwentrauer,

      Unsre Frau zum Weib begehret wurde.

 

      Und der größte war Imoskis Kadi;

      Und die Frau bat weinend ihren Bruder:

      »Ich beschwöre dich bei deinem Leben,

      Gib mich keinem andern mehr zur Frauen,

      Daß das Wiedersehen meiner lieben

      Armen Kinder mir das Herz nicht breche!«

 

      Ihre Reden achtet nicht der Bruder,

      Fest, Imoskis Kadi sie zu trauen.

      Doch die Gute bittet ihn unendlich:

      »Schicke wenigstens ein Blatt, o Bruder,

      Mit den Worten zu Imoskis Kadi:

      Dich begrüßt die junge Wittib freundlich

      Und läßt durch dies Blatt dich höchlich bitten,

      Daß, wenn dich die Suaten herbegleiten,

      Du mir einen langen Schleier bringest,

      Daß ich mich vor Asans Haus verhülle,

      Meine lieben Waisen nicht erblicke.«

 

      Kaum ersah der Kadi dieses Schreiben,

      Als er seine Suaten alle sammelt

      Und zum Wege nach der Braut sich rüstet,

      Mit den Schleier, den sie heischte, tragend.

 

      Glücklich kamen sie zur Fürstin Hause,

      Glücklich sie mit ihr vom Hause wieder.

      Aber als sie Asans Wohnung nahten,

      Sahn die Kinder obenab die Mutter,

      Riefen: »Komm zu deiner Halle wieder!

      Iß das Abendbrot mit deinen Kindern!«

      Traurig hört' es die Gemahlin Asans,

      Kehrete sich zu der Suaten Fürsten:

      »Laß doch, laß die Suaten und die Pferde

      Halten wenig vor der Lieben Türe,

      Daß ich meine Kleinen noch beschenke.«

 

      Und sie hielten vor der Lieben Türe,

      Und den armen Kindern gab sie Gaben;

      Gab den Knaben goldgestickte Stiefel,

      Gab den Mädchen lange, reiche Kleider,

      Und dem Säugling, hülflos in der Wiege,

      Gab sie für die Zukunft auch ein Röckchen.

 

      Das beiseit sah Vater Asan Aga,

      Rief gar traurig seinen lieben Kindern:

      »Kehrt zu mir, ihr lieben armen Kleinen;

      Eurer Mutter Brust ist Eisen worden,

      Fest verschlossen, kann nicht Mitleid fühlen.«

 

      Wie das hörte die Gemahlin Asans,

     Stürzt' sie bleich, den Boden schütternd, nieder,

     Und die Seel entfloh dem bangen Busen,

     Als sie ihre Kinder vor sich fliehn sah.

 

[Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827). Goethe: Werke, S. 615

 


März

 

                  Es ist ein Schnee gefallen,

                  Denn es ist noch nicht Zeit,

                  Daß von den Blümlein allen,

                  Daß von den Blümlein allen

                  Wir werden hoch erfreut.

 

                  Der Sonnenblick betrüget

                  Mit mildem, falschem Schein,

                  Die Schwalbe selber lüget,

                  Die Schwalbe selber lüget,

                  Warum? Sie kommt allein!

 

                  Sollt ich mich einzeln freuen,

                  Wenn auch der Frühling nah?

                  Doch kommen wir zu zweien,

                  Doch kommen wir zu zweien,

                  Gleich ist der Sommer da.

[Goethe: Gedichte (Ausgabe letzter Hand. 1827). Goethe: Werke, S. 951


Ein Fichtenbaum steht einsam

            Im Norden auf kahler Höh'.

            Ihn schläfert; mit weißer Decke

            Umhüllen ihn Eis und Schnee.

 

            Er träumt von einer Palme,

            Die, fern im Morgenland,

            Einsam und schweigend trauert

            Auf brennender Felsenwand.

[Heine: Buch der Lieder. Heine: Werke, S. 1225


 

Unterm weißen Baume sitzend,

            Hörst du fern die Winde schrillen,

            Siehst, wie oben stumme Wolken

            Sich in Nebeldecken hüllen;

 

            Siehst, wie unten ausgestorben

            Wald und Flur, wie kahl geschoren; –

            Um dich Winter, in dir Winter,

            Und dein Herz ist eingefroren.

 

            Plötzlich fallen auf dich nieder

            Weiße Flocken, und verdrossen

            Meinst du schon, mit Schneegestöber

            Hab der Baum dich übergossen.

 

            Doch es ist kein Schneegestöber,

            Merkst es bald mit freud'gem Schrecken;

            Duft'ge Frühlingsblüten sind es,

            Die dich necken und bedecken.

 

            Welch ein schauersüßer Zauber!

            Winter wandelt sich in Maie,

            Schnee verwandelt sich in Blüten,

            Und dein Herz, es liebt aufs neue.

[Heine: Neue Gedichte. Heine: Werke, S. 1466


 

Caput XVI

 

        Schaust du diese Bergesgipfel

        Aus der Fern', so strahlen sie,

        Wie geschmückt mit Gold und Purpur,

        Fürstlich stolz im Sonnenglanze.

 

        Aber in der Nähe schwindet

        Diese Pracht, und wie bei andern

        Irdischen Erhabenheiten

        Täuschten dich die Lichteffekte.

 

        Was dir Gold und Purpur dünkte,

        Ach, das ist nur eitel Schnee,

        Eitel Schnee, der blöd und kläglich

        In der Einsamkeit sich langweilt.

 

        Oben in der Nähe hört ich,

        Wie der arme Schnee geknistert,

        Und den fühllos kalten Winden

        All sein weißes Elend klagte.

 

        »Oh, wie langsam« – seufzt' er – »schleichen

        In der Öde hier die Stunden!

        Diese Stunden ohne Ende,

        Wie gefrorne Ewigkeiten!

 

        Oh, ich armer Schnee! Oh, wär ich,

        Statt auf diese Bergeshöhen,

        Wär ich doch ins Tal gefallen,

        In das Tal, wo Blumen blühen!

 

        Hingeschmolzen wär ich dann

        Als ein Bächlein, und des Dorfes

        Schönstes Mädchen wüsche lächelnd

        Ihr Gesicht mit meiner Welle.

 

        Ja, ich wär vielleicht geschwommen

        Bis ins Meer, wo ich zur Perle

        Werden konnte, um am Ende

        Eine Königskron' zu zieren!«

 

        Als ich diese Reden hörte,

        Sprach ich: »Liebster Schnee, ich zweifle,

        Daß im Tale solch ein glänzend

        Schicksal dich erwartet hätte.

 

        Tröste dich. Nur wen'ge unten

        Werden Perlen, und du fielest

        Dort vielleicht in eine Pfütze,

        Und ein Dreck wärst du geworden!«

 

        Während ich in solcher Weise

        Mit dem Schnee Gespräche führte,

        Fiel ein Schuß, und aus den Lüften

        Stürzt' herab ein brauner Geier.

 

        Späßchen war's von dem Laskaro,

        Jägerspäßchen. Doch sein Antlitz

        Blieb wie immer starr und ernsthaft.

        Nur der Lauf der Flinte rauchte.

 

        Eine Feder riß er schweigend

        Aus dem Steiß des Vogels, steckte

        Sie auf seinen spitzen Filzhut,

        Und er schritt des Weges weiter.

 

        Schier unheimlich war der Anblick,

        Wie sein Schatten mit der Feder

        Auf dem weißen Schnee der Koppen,

        Schwarz und lang, sich hinbewegte.

 

[Heine: Atta Troll. Heine: Werke, S. 2235

 


SEEFAHRT

 

    Ich fuhr mit den freunden über den see

    Der abend neigte sich

    In dicken flocken flog der schnee

    Und langsam unser nachen

    Die dunkle flut durchstrich.

 

    Die nebel verhüllten rings das land

    Kein schein vom himmel schaut

    Und von dörfern am strand

    Erklingen die ave-glocken

    Mit traurig gedämpftem laut.

 

    Die küste beendet unsren lauf

    Wir landen und steigen aus

    Wir gehen zum kleinen ort hinauf ..

    Kein mensch lässt sich erblicken

    Und stumm steht jedes haus.

 

    Wir kommen an der kirche vorbei

    Die türe verschloss nicht ganz –

    Es tönte darinnen wie litanei ..

    Wir treten ein in der frommen kreise

    Die mütter beten den rosenkranz.

     Die freunde lachen – wir eilen fort.

    Die zeit ist um! das dunkel droht!

    Doch mich verlezt ihr spottend wort

    Bin ich auch nicht viel besser selber –

    Ich steige sinnend in das boot.

[Stefan George: Die Fibel. Auswahl Erster Verse. Stefan George: Gesamtausgabe der Werke, S. 77

 


AUFSCHWUNG

 

    Hoch oberhalb der weiher und der ähren

    Der wälder und der berge und der see ·

    Jenseits von wolken und von ewigem schnee ·

    Jenseits der grenzen der gestirnten sfären ·

 

    Dort regst du dich in freiheit · meine brust!

    Und wie sich schwimmer in den wellen breiten

    So ziehst du durch die unermesslichkeiten

    Mit männlicher unsagbar grosser lust.

 

    Flieh weit aus dieser kranken dünste giften ·

    In einem höhern luftraum werde rein

    Und trink wie einen himmlisch echten wein

    Das klare feuer in den lichten triften!

 

    Los von dem kummer von der grossen qual

    – Des nebeldüstern daseins lästge zügel –

    Wie ist der glücklich der mit starkem flügel

    Entschweben kann ins stille heitre tal!

 

    Der dess gedanken auf der lerche schwinge

    Emporgetragen werden in der früh ...

    Er fasst die welt und deutet ohne müh

    Der blumen sprache und der stummen dinge.

 

[Stefan George: Baudelaire. Die Blumen des Bösen. Stefan George: Gesamtausgabe der Werke, S. 1427

 


TRÜBER HIMMEL

 

Dein auge erscheint wie umschleiert von dunstigem tau

Geheimnisvoll (ist es blau oder grün oder grau?)

Das wechselnd grausam · träumerisch oder verliebt

Die gleichmut und blässe des himmels wiedergibt.

 

Du bist wie die tage weiss und lau und verhüllt

Wo sich das bezauberte herz mit tränen erfüllt

Wenn von dem wehe das unbekannt in ihnen kreist

Zu wache nerven verspotten den schläfrigen geist.

 

Zuweilen bist du den schönen wolken verwandt

Wenn sie die sonne der nebligen zeiten entbrannt ..

Wie wirfst du dann deinen schimmer – gefeuchtete welt

Von eines getrübten himmels strahlen erhellt!

 

O werd ich – gefährliche frau und verführende luft –

So lieben euren schnee und nebligen duft

Und nehme ich aus dem himmel trostlos und kahl

Vergnügen die stechender sind als eis oder stahl?

 

[Stefan George: Baudelaire. Die Blumen des Bösen. Stefan George: Gesamtausgabe der Werke, S. 1484

 


Abendrauch

Da und dorten schon

Hebt sich aus dem weißen Schnee

Abendlicher Rauch

 

Takakuwa Ranko


 

Die Pflaumenblüte

Einem, der ihn brach,

schenkt er dennoch seinen Duft –

Pflaumenbütenzweig!

 

Frau kaga no chiyo


 

Neujahr

Neujahrstag ist heut!

Wer mir heut den Schnee zertritt,

soll willkommen sein! 

 

Yokoi Yayu 


Krähe an einem Schneemorgen

Wintermorgenschnee –

Selbst die Krähe, sonst verhasst,

heute ist sie schön!

 

Matsuo Basho 


“Dans l’interminable…”

 

Dans l’interminable

Ennui de la plaine

La neige incertaine

Luit comme du sable

 

Le ciel est de cuivre

Sans lueur aucune.

On croirait voir vivre

Et mourir la lune.

 

Comme des nuées

Flottent gris les chênes

Des forêts prochaines

Parmi les buées.

 

Le ciel est de cuivre

Sans lueur aucune.

On croirait voir vivre

Et mourir la lune.

Corneille poussive

Et vous, les loups  maigres,

Par ces bises aigres

Quoi donc vous arrive ?

 

Dans l’interminable

Ennui de la plaine

La neige incertaine

Luit comme du sable

 

P. Verlaine 


 

Neiger (ou écrire en hiver)

 

Surprendre en silence la ville endormie

Portant la formule du froid

El le ciel muet,

Léchers des fils tendus, des branches

Sèches,

Se poser, se défaire, se fondre,

Sans bruit ni vent,

Descendre blanche inattendue,

Sans poids recouvrir

La route, la banc, le maison.

 

Fabio Pusterla

Les choses sans histoire

Le cose senza storia

(traduit par Mathilde Visscher)

 

 


BLANCHE, MA SAVETIÈRE

Neige d'octobre vole avec son ombre,

Nuée de novembre à l'aube rend l'âme,

Blanche de décembre fait briller la cendre,

À neige de janvier rouge tablier.

Grandit notre cœur  au givre des rois,

La Licorne blanche, de fureur s'abat !

 

R. Char 

 


Un soir de neige

poèmes de Paul Eluard

 

1.        De grandes cuilliers de neige

De grandes cuilliers de neige

Ramassent nos pieds glacés

Et d'une dure parole

Nous heurtons l'hiver têtu

Chaque arbre a sa place en l'air

Chaque roc son poids sur terre

Chaque ruisseau son eau vive

Nous  avons pas de feu.

 

2.        La bonne neige

La bonne neige le ciel noir

Les branches mortes la détresse

De la forêt pleine de pièges

Honte à la bête pourchassée

La fuite en flêche dans le coeur

 

Les traces d'une proie atroce

Hardi au loup et c'est toujours

Le plus beau loup et c'est toujours

Le dernier vivant que menace

La masse absolue de la mort

 

3.        Bois meurtri

Bois meurtri bois perdu d'un voyage en hiver

Navire où la neige prend pied

Bois d'asile bois mort où sans espoir je rêve

De la mer aux miroirs crevés

Un grand moment d'eau froide a saisi les noyés

La foule de mon corps en souffre

Je m'affaiblis je me disperse

J'avoue ma vie j'avoue ma mort j'avoue autrui.

 

4.        La nuit le froid la solitude

La nuit le froid la solitude

On m'enferma soigneusement

Mais les branches cherchaient leur voie dans la prison

Autour de moi l'herbe trouva le ciel

On verrouilla le ciel

Ma prison s'écroula

Le froid vivant le froid brûlant l'eut bien en main.

 


Il NEIGE SUR LIÈGE

Il neige, il neige sur Liège

Et la neige sur Liège pour neiger met des gants

Il neige, il neige sur Liège

Croissant noir de la Meuse sur le front d'un clown blanc

Il est brisé le cri

Des heures et des oiseaux

Des enfants à cerceaux

Et du noir et du gris

Il neige, il neige sur Liège

Que le fleuve traverse sans bruit

 

Il neige, il neige sur Liège

Et tant tourne la neige

Entre le ciel et Liège

Qu'on ne sait plus s'il neige

S'jl neige sur Liège

Ou si c'est Liège qui neige vers le ciel

Et la neige marie

Les amants débutants

Les amants promenant

Sur le carré blanchi

Il neige, il neige sur Liège

Que le fleuve transporte sans bruit

 

Ce soir, ce soir il neige

Sur mes rêves et sur Liège

Que le fleuve transperce sans bruit

 1965

gezongen J. Brel

 

SNEEUW OP LUIK

De sneeuw valt de sneeuw valt op Luik

En de sneeuw zet een pruik zet een pruik op straat

De sneeuw valt de sneeuw valt op Luik

zwarte maansikkel Maas in een doodsbleek gelaat

nu is dof het gekrijs

van de twintigste eeuw

van een hongerige meeuw

van het zwart en het grijs

de sneeuw valt de sneeuw valt op Luik

de rivier maakt haar zwijgende reis

 

de  sneeuw valt de sneeuw valt op Luik

en zo wervelt de sneeuw

tussen de lucht en Luik

dat je niet ziet valt de sneeuw

valt de sneeuw nu op Luik

of sneeuwt Luik nu sneeuwt Luik naar de nacht

onderdrukt is de geeuw

van  geliefden op straat

van geliefden zo laat

in een doosje vol sneeuw

de sneeuw valt de sneeuw valt op Luik

en  de Maas neemt de stad mee op reis

 

het sneeuwt het sneeuwt vanavond

op mijn buik en op Luik

en  de stad neemt de Maas mee op reis

 

Benno Barnard


FLEURS DE MARÉCAGE

Dans la dernière auberge sur la montagne

Où la glace et la neige sont éternelles,

Je reposais une nuit à bout de forces,

Car là l'hiver devait me protéger

Contre le mal dont le printemps est complice.

Là un songe allait chercher des fleurs traîtresses,

Dans un printemps lointain que je croyais perdu,

Il ouvrit ses bras, elles neigèrent sur les neiges;

La plaine glacée et blanche devint rose

Et resta rose une longue nuit d'hiver.

 

J. SLAUERHOFF

 

39

Der Schnee verwandelt die Welt in einen Friedhof.

Aber die Welt war bereits ein Friedhof,

und der Schnee kam nur, um es bekannt zu machen.

 

Der Schnee kam nur, um mit seinem

gliederlosen, dünnen Finger auf den wahren

und aufsehenerregenden Darsteller zu zeigen.

 

Der Schnee ist ein gefallener Engel,

ein Engel, der die Geduld verlor.

 

39

La nieve ha convertido al llundo en cellenterio.

Pero el llundo ya era un cellenterio

y la nieve sólo ha venido a publicarlo.

 

La nieve sólo ha venido a seiialar,

con su delgado dedo sin ariiculaciones,

al verdadero y escandaloso protagonista.

 

La nieve es un ángel caido,

un ángel que ha perdido la paciencia.

 

Roberto Juarroz - Vertikale Poesie

 

sneeuw


ESTAMPA DE INVIERNO

(Nieve)

¿Dónde se han escondido los colores

en este dia negro y blanco?

La fronda, negra; el agua, gris; el cielo

y la tierra, de un blanquinegro pálido;

y la ciudad doliente

una vieja aguafuerte de romántico.

 

El que camina, negro;

negro el medroso pájaro

que atraviesa el jardin como una flecha ...

Rasta el silencio es duro y despintado.

 

La tarde cae. El cielo

no tiene ni un dulzor. En el ocaso,

un vago amarillor casi esplendente,

que casi no lo es. Lejos, el campo

de hierro seco.

Y entra la noche, como

un entierro; enlutado

y frío todo, sin estrellas, blanca

y negra, como el día negro y blanco.

 

J.R. Jiménez 

 

WINTER SCENE

(Snow)

Where have the colors all gone to

today, that is so black and white?

The leaves black, the water gray, the sky

and the ground a sort of faded white and black,

and the mournful city

is like an old steel engraving by some roman tic.

 

The man who is walking is black,

the startled bird is black

shooting across the garden like an arrow . . .

Even the silence is harsh and faded.

 

Dusk falls. There is nothing gentle

about the sky. In the west, an indecisive

yellow light that almost glitters

and almost doesn't. Over there, fields

like dry iron.

And the night comes, like

a burial; it is all wrapped in black

and cold, no stars, all white

and black, like the black and white day.

 

J.R. Jiménez


Winter

 

Der Winter wiegt in Weiss die Welt zutode.

Vergehend fleht der Tag zum ersten Sterne

Und fasst nach einem Zipfel seiner Ferne,

Dass nicht die Nacht ihn aus der Erde rode.

 

Die Armen frieren bei versteintem Brode.

Die kalte Hand gibt nichts und geigelt gerne,

Dass der Verlassne auch das Schauern lerne,

Denn Not und Furcht sind van der gleichen Mode.

 

Mit kranken Perlen aus der Kälte Zwang

Will sich im Schlaf der schlichte Sinn beflittern.

Und unten geht die Zeit mit lahmem Gang.

 

Doch während Greise nun in Siechtum zittern,

Erhebt der Knabe sich im Überschwang

Durch weisse Nacht zu Höhn und Ungewittern.

 

Albert Drach


 

HEIMKEHR

 

An meinen Wangen brennt es heiß,

auf meiner Lippe bebt es noch,

weil ich mein Herz ihr übertrug

zum Sprechen; alle Sprache war

voll Irrtum und Befangenheit,

ein Übermut, ein jäher Klang.

So war mein Sprechen, ach, dies zeigt

sich auf der roten Wange noch,

die ich nach Hause trage jetzt.

Ich senke meinen Blick zum Schnee

und geh' vorbei an manchem Haus

,an mancher Hecke, manchem Baum,

der Schnee ziert Hecke, Baum und Haus.

Ich geh' vorbei, den Blick zum Schnee

gesenkt, an meiner Wange ist

nichts, als erinnerungsheißes Rot,

mich mahnend an die wüste Sprach‘.

 

 

Norbert Walser


WEINENDEN HERZENS

 

Ich fühle tausend Dinge, wenn

ich an dich denke, Jesus.

Heiß wird mir, denn

dein Name ist ein verwirrender Kuß.

 

Du stehst noch immer im Schnee

und starrst, was die Armen wollen,

die Armen, die dir so weh

getan haben sollen.

 

Das taten jedoch nicht sie,

das Schauerliche deines Tods,

jene Einsamen, nein, nie!

Das tat ein betrunkener Trotz.

 

Das taten rohe Gesellen

die an Verkommenheit reich.

Die Armut hat mit den Quellen

deines Bluts nichts gemein, nichts gleich.

 

Ich will unter Armut verstanden

haben ein stilles Weh,

Menschen, die außer den Banden,

der Tat, hingestreut, weich, wie Schnee.

 

Und starrend licht wie derselbe,

und Jesus sieht ihnen zu,

noch heute, seine gelbe

helle Haarwelle flattert ohne Ruh'.

 

Bisweilen kommt es dahin,

daß Jesus noch einmal lacht,

zärtlich, und mit wunderbarem Sinn

und beruhigend wie eine Nacht.

 

Am Morgen sind dann im Schnee

von ihm noch Fußstollen.

Er gehört den Armen,

die ihm so wehgetan haben sollen.

 

Norbert Walser


 

DER SCHNEE

 

Der Schnee fällt nicht hinauf

sondern nimmt seinen Lauf

hinab und bleibt hier liegen,

noch nie ist er gestiegen.

 

Er ist in jeder Weise

in seinem Wesen leise,

von Lautheit nicht die kleinste Spur.

Glichest doch du ihm nur.

 

Das Ruhen und das Warten

sind seiner üb'raus zarten

Eigenheit eigen,

er lebt im Sichhinunterneigen

 

Nie kehrt er dorthin je zurück,

von wo er niederfiel,

er geht nicht, hat kein Ziel,

das Stillsein ist sein Glück.

 

Norbert Walser


 


 

                 

 

    

de Rijn - collage 30 x 40 cm

 

 

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canandanann 31-01-2012